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Interview: Die Zukunft für die Landwirtschaft

Landwirtschaft, Lebensmittelhandel und Digitalisierung – hat das eine Zukunft?

Als Futurologe werde ich oft gefragt: “Was wird sich für meine Branche durch die Digitalisierung in Zukunft ändern und hat meine Branche überhaupt eine Zukunft?” Die kurze Antwort lautet dann jedesmal “Alles wird sich ändern – und ja, sie hat eine Zukunft, sogar eine große.” Dass mich der Bereich Lebensmittel und vor allem Landwirtschaft dabei besonders interessiert, ist kein Zufall: geht es doch bei Lebensmitteln um etwas Existenzielles. Alles andere sind ehrlich gesagt Luxusartikel. Lebensmittel brauchen wir allerdings jeden Tag. Die Digitalisierung in diesem Bereich wird also ungleich stärkere Auswirkungen auf den Alltag von allen Menschen haben, als die Digitalisierung der Musik-Industrie oder des Mode-Handels. Liebe Landwirte, Sie stehen im Zentrum der Entwicklung unseres zukünftigen Alltags.

Lebensmittel-Onlinehandel – ist das was für mich?

Vielleicht haben Sie die Diskussion um den Lebensmittel-Onlinehandel mitbekommen. Alle reden irgendwie darüber. Die meisten reden ihn klein. Im Moment sieht das auch ganz so aus. Das liegt vor allem daran, dass die derzeit bekannten Online-Supermärkte mehr oder weniger Kopien des stationären Handels sind. Und das ist normal: wenn es eine neue Technologie gibt, versuchen wir zunächst die alte uns bekannte Struktur im Kopf darüber zu legen. Und die sieht vor, dass wir Kategorien wie in einem Supermarkt haben und die Produkte auch so aussuchen.

Aber mal ganz ehrlich: wer klappt denn für den Einkauf eines Blumenkohls den Laptop auf? Bei Mode oder Technik, ja – da lohnt die Recherche. Aber bei einem Blumenkohl? Das Einkaufen via solcher Shops ist heute noch viel zu kompliziert. Dennoch es funktioniert und das Wachstum ist mit 50-100% pro Jahr auch nicht zu verachten. Dennoch sind solche Plattformen noch kein im Vergleich mit den vier großen Händlern in Deutschland.

Es werden sich ganz neue Handelsformen durchsetzen.

Es wird in Zukunft aber ganz anders funktionieren. Wie, das zeigt sich in Asien schon länger. Aber auch in Deutschland sind wir inzwischen soweit. Nehmen wir zum Beispiel eine App wie “Kitchen-Stories”. Darüber kann man Rezepte aufrufen und bekommt in Schritt-für-Schritt Videos sehr intelligent angezeigt wie es geht. Natürlich kann man über diese Apps seine Woche planen und natürlich bekommt man alle notwendigen Zutaten auch automatisch nach Hause geliefert. Übrigens ganz zeitgenau und rechtzeitig zur Vorbereitung des jeweiligen Gerichts am richtigen Tag. Frische Zutaten kommen mitunter zwei, drei Mal die Woche.

BSH – Bosch-Siemens-Hausgeräte, hat nun eine Kooperation mit Kitchen-Stories. Das heißt, dass, wenn in einem Rezept, dass man über die App zubereitet, der Punkt kommt an dem der Herd vorgeheizt werden muss, dann wird das automatisch passieren. Und wenn der Schweinebraten oder Gemüseauflauf dann im Ofen ist, dann wird der Herd automatisch alles tun, damit er so knusprig ist wie im Rezept-Video.

Sie sehen daran eins: die Wege wie Produkte zum Kunden kommen werden sich ändern. Und zwar ganz massiv. Dabei erkennen wir noch etwas weiteres: Kunden kaufen ein Gesamterlebnis, nicht mehr diese Butter und diesen Kohl und dieses Öl. Sie kaufen “gute” Produkte.

Produkte werden über Codes eindeutig identifizierbar – das hat Vorteile

Die Hersteller von Küchen arbeiten aber heute schon intensiv an der Umsetzung von intelligenten Schränken (nicht nur Kühlschränken) die, zusammen mit einem Ersatz des EAN-Strichcodes automatisch erfassen können, was der Kunde alles in seinem Haushalt hat. Oder an intelligenten Mülleimern, wie zum Beispiel der Online-Supermarkt AllyouneedFresh und Wesco, Euopras größter Hersteller von Mülleimern. Hier werden alle Produktverpackungen oder neuen Chips, die in Verpackungen auch von frischem Obst und Gemüse eingesetzt sind, erkannt und die Produkte auf Wunsch gleich wieder auf die Einkaufsliste gesetzt.

Aber woher kommen die Produkte dann? Natürlich könnte man sie aus dem Angebot der derzeitigen Online-Supermärkte ziehen. Solche “Zwischenhändler” haben solch große Strukturen aber gar nicht nötig. Die können aufgrund der Mengen auch gut direkt einkaufen oder über Genossenschaften, die vielleicht viele Produzenten von Agrarprodukten gemeinsam auf einer Online-Plattform vertreten.

Keine Angst vor Begriffen wie “Blockchain” – sie müssen sie nicht verstehen, aber die Möglichkeiten für sich langfristig nutzen können.

Dabei kommt der Landwirtschaft eine weitere starke Entwicklung zugute: die Blockchain. Ich weiß, das ist das “digitale Ding” das niemand erklären kann. Lassen Sie es mich aus einem Beispiel der Vereinten Nationen mit Microfarmern in Afrika und Indien erklären. Diese konnten früher ihre Produkte nicht auf dem nächsten regionalen Markt verkaufen, da die 10-50km dorthin unüberwindbar waren. Jetzt können sie per App ein Foto ihrer frisch geernteten und aufgereihten Waren machen. Die App zeigt ein ungefähres Gewicht der Ware und um welche Produkte es sich handelt. Ein Händler auf dem Markt kann diese Produkte direkt online kaufen. Sobald das passiert ist, kommt ein Lastwagen der Vereinten Nationen vorbei und holt die Produkte ab. Auf dem Markt angekommen, werden die Produkte begutachtet und direkt per Blockchain bezahlt. Das ist wichtig, da die Microfarmer keine Bank haben bzw. hätten sie eine, wäre möglicherweise ein Regime dabei die Einkommen für sich zu behalten.

In dieser Blockchain wird aber noch weiteres Übermittelt: woher das Produkt stammt, wie es angebaut wurde, welche Düngemittel verwendet wurden, welches Saatgut … es wird da eine neue Transparenz geben. Und zwar eine, die nicht nur in diesem Entwicklungsbereich, sondern heute schon stark zunehmend im Internet verlangt wird. Das gibt Ihnen als Produzenten ganz neue Möglichkeiten sich darzustellen und direkt mit Kunden Geschäfte zu machen. Auf anderen Plattformen ist es im Internet zum Beispiel möglich von Biohöfen in Italien oder Spanien ganz spezielle Pommeranzen einzukaufen und geliefert zu bekommen. Der Handel findet direkt zwischen Kunde und Produzent statt – es braucht nur noch einen Logistiker, aber keinen Händler mehr.

In 4-7 Jahren sollten sie fit sein.

Das sind natürlich nur erste Möglichkeiten. Das ist aber auch gut. Denn sie sollen Ihnen ja auch nur zeigen, dass sie noch nicht “hinten dran” sind, sondern gerade jetzt anfangen können sich perspektivisch mit diesen neuen Möglichkeiten zu beschäftigen. Bis diese sich durchsetzen wird es noch 4-7 Jahre dauern. Was aber auch gut ist, da sie diese Zeit nutzen und neue Möglichkeiten ausprobieren können.

Dabei müssen Sie eins noch zum Internet und der Blockchain, die wesentlich in den Vordergrund treten wird, verstehen: vor der Industrialisierung hat man auf “Augensicht” miteinander Handel getrieben. Jeder hat für sich angebaut und mit dem Nachbarn getauscht. Man war kein Unbekannter. Wenn etwas nicht in Ordnung war, hat man das gesagt, wenn man spezielle Wünsche hatte, hat man auch diese ausgetauscht. Die Industrialisierung hat diesen persönlichen Austausch anonymisiert. Produkte sind zu “Waren” geworden, meist ohne Herz und Verstand, sondern nur noch auf Effizienz ausgerichtet. Mit der Digitalisierung, dem Internet, der Blockchain (all diesen zur Zeit noch kryptischen Buzzworten) werden wir wieder zurück kommen zu einem Miteinander wie in Zeiten “vor der Industrialisierung”, also mit einem direkten Handel von Produzent zu Kunde, nur eben mit globalen Vernetzungsmöglichkeiten. Dazu kommen die vollkommen neuen Handelswege (siehe Kitchenstories als “ein” allererstes Beispiel) die neue Möglichkeiten eröffnen.

Regional und Global sind in digitaler Vernetztheit kein Gegenteil mehr.

Dabei wird der Trend weggehen von multinationalen Unternehmen, hin zu kleineren autarken Einheiten, die aber intelligent miteinander vernetzt sind. Das zeigt sich im Energiebereich bereits heute. Wer ein Solardach hat (und das werden mit den verbesserten Technologien immer mehr Menschen sein) der braucht kein Energieversorgungsunternehmen mehr das eine Rechnung schickt. Das ist wie früher, als man im eigenen Hof noch den Kamin oder Ofen beheizt hat – nur jetzt eben digital vernetzt. Und solche Netze sind viel stabiler und sicherer, da sie nicht als ganzes ausfallen können.

Die gesamte Komplexität dessen was auf die Landwirtschaft und digitalen Handelsmöglichkeiten zukommt, ist schwer in einem Artikel unterzubringen. Aber halten sie die Augen und Ohren offen. Und seien Sie gewiss: die Möglichkeiten für Sie werden sich erheblich verbessern in den kommenden Jahren. Es braucht keine Panik, aber eine gesunde Abstimmung mit allen Verbandsmitgliedern und den Genossenschaften sowie letztendlich mit den neuen Intermediären die da gerade entstehen und den Endkunden die immer mehr Transparenz fordern. Davon können sie am Ende nur profitieren. Der Handel wie wir ihn heute kennen, wird es hingegen immer schwerer haben.

 

Lesen Sie hier das ganze Interview aus dem Magazin des Bauernverbands 06 2018.

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